Öffnet in einem neuen Tab
11. Juni 2026

Es ruht ein Lied in ALLEN Dingen – Plädoyer für eine Wiederverzauberung der Welt

Auszug aus dem in Murnau am 11. Juni 2026 gehaltenen Vortrag von Hans-Peter Söder

„Es ruht ein Lied in ALLEN Dingen – Plädoyer für eine Wiederverzauberung der Welt

(Hans-Peter Söder, München)

Wenn ich Ihnen heute über Unfertiges berichte, dann hat dies einen guten Grund. Wie Sie alle wissen, arbeiten wir nun schon seit fünf Jahren an einem Konzept für eine Sommerakademie für Murnau. Anstatt nur zu predigen, dass die Ideen des Humanismus, über das Wahre, das Gute und das Schöne heute immer noch relevant sind, hatten wir uns vor fünf Jahren entschlossen, die Texte für sich selbst sprechen zu lassen. Jeden Sommer wählen wir seitdem ein Buch aus James Loebs Edition der Klassischen Meisterwerke der Antike (die Loeb Classical Library) aus, und diskutieren diesen Text im Lichte der Gegenwart.

Wir, das sind junge Menschen aus der ganzen Welt, und wir hier im Blauen Land. Das ist gut und schön, werden Sie sagen, aber führt das auch zu etwas? Verändert es die Welt? Ja, diese jungen Menschen sind alle noch in Kontakt miteinander; jedes Jahr kommen Einige zurück und einige kommen gar um dann hier in Murnau ein Praktikum zu machen.

Das Thema der Alpenakademie im Sommer 2025 war das bahnbrechendes Werk von Theophrast, dem Vater der Botanik: Historia plantanum „Über die Pflanzen“. Viel diskutiert wurde über Bäume und Pflanzen als intelligente Wesen, die in einer Gemeinschaft leben.  Damals kamen wir auch auf Entstehungsmythen zu sprechen, nämlich Mythen, die eine Welt erklären, ohne auf empirische Beweise zurückzugreifen. Es blieb nicht nur bei den Diskussionen, jeder musste auch seine Umwelt am Staffelsee in Form von Mythen erklären.

Unsere Herberge, das “Haus der Naturfreunde”, ist mittig am Staffelsee. Gegenüber liegt die Insel Wörth. Ab und zu hörte man blecherne Geräusche auf der Insel. Die Kühe mit ihren Glocken konnte man nicht sehen. Ab und zu aber sah man etwas Goldenes aufblitzen. Aber auch der See selbst ist abends oft in Gold getaucht. Weshalb das Gold im Blauen Land? Eine Teilnehmerin hatte eine Erklärung. Ein Troll oder ein Bergzwerg, der sich in ein Mädchen auf dem Festland verliebt hatte, ist dort am Werk. Den ganzen Tag lang bearbeitet er pures Gold, um eine Krone für seine Angebetete zu schmieden. Doch dann, wenn die Krone fertig ist, gerät sie immer zu groß und zu schwer für seinen winzigen Kahn. Und jedes Mal, wenn er versucht, hinüberzufahren, um sie ihr zu bringen, kentert sein Nachen, und er kehrt zur Insel zurück, um von neuem zu beginnen. Deshalb hört man auf der Insel Wörth öfter ein Scheppern und ein Kling und ein Klong und deshalb glänzt der Staffelsee bis heute an vielen Stellen golden.

Meine Damen und Herren, ALLES zu verstehen und alles erklären zu können, bringt uns das so viel Mehrwert? Ja, es verlängert unser Leben, aber macht es unsere Welt so viel lebenswerter? Wir haben die Welt ausgeleuchtet. Aber vielleicht braucht sie auch ab und zu den Zauber der Dunkelheit.