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Das Marie-Antonie-Haus

Ein Haus für Studentinnen

Bildung braucht Möglichkeiten

Wer studieren will, braucht nicht nur Begabung und Neugier. Er braucht auch die Möglichkeit dazu. James Loeb hatte dafür einen sehr praktischen Blick. Ende der 1920er Jahre unterstützte er in München ein Projekt, das seiner Zeit voraus war: das erste Wohnhaus der Stadt eigens für Studentinnen.

1929/30 finanzierte Loeb für den Verein Studentenhaus München, den Vorläufer des heutigen Studierendenwerks München Oberbayern, den Bau eines Studentinnenwohnhauses in der Kaulbachstraße 49.

Marie Antonie Haus
Marie Antonie Haus

Studentinnenwohnhaus

Frauen waren an den Universitäten damals noch deutlich in der Minderheit. Geeigneter und bezahlbarer Wohnraum in unmittelbarer Nähe zur Universität konnte deshalb ganz konkret darüber entscheiden, ob ein Studium überhaupt möglich war.

Das neue Wohnhaus bot Studentinnen genau diese Möglichkeit. Mit seiner Unterstützung setzte James Loeb damit einen Gedanken in die Tat um, der sich durch sein gesamtes philanthropisches Engagement zieht: Bildung sollte nicht allein denen offenstehen, die bereits über die besten Voraussetzungen verfügen.

Das Haus wurde zum ersten Studentinnenwohnhaus Münchens.

Marie Antonie statt James Loeb

Bemerkenswert ist auch der Name des Hauses. Loeb wollte es nicht nach sich selbst benennen. Stattdessen erhielt es den Namen seiner Frau Marie Antonie.

Das passt zu einem Mäzen, der zwar große Summen für Wissenschaft, Bildung, Kunst und soziale Einrichtungen zur Verfügung stellte, dabei aber nur selten die eigene Person in den Vordergrund rückte.

So entstand das Marie-Antonie-Haus in der Kaulbachstraße 49.

marie antonie

Zerstörung und ein ungewöhnlicher Neuanfang

Der Zweite Weltkrieg hinterließ auch am Marie-Antonie-Haus schwere Schäden. Doch die Geschichte des Hauses endete damit nicht.

Ab 1948 bauten amerikanische und deutsche Studierende das Wohnheim gemeinsam wieder auf. Das Projekt gehörte zu den frühen Initiativen der Organisation „The Experiment in International Living“ im Deutschland der Nachkriegszeit. Aus dem Wiederaufbau eines Gebäudes wurde damit zugleich ein Projekt der deutsch-amerikanischen Verständigung.

Das besitzt im Zusammenhang mit James Loeb eine besondere Symbolkraft. Ein Haus, das ein amerikanischer Mäzen für junge Menschen in München geschaffen hatte, wurde nach Krieg und Nationalsozialismus von jungen Deutschen und Amerikanern gemeinsam wiederaufgebaut.

Eine soziale Idee lebt weiter

Auch in den folgenden Jahrzehnten veränderte sich das Marie-Antonie-Haus. Seit 1970 wohnen dort auch männliche Studierende. In jüngerer Zeit wurde die Wohnanlage grundlegend erneuert und als modernes Inklusionswohnheim weiterentwickelt.

Heute leben dort Studierende mit unterschiedlichen persönlichen Voraussetzungen gemeinsam. Das Gebäude ist unter anderem auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen ausgerichtet.

Damit hat sich die konkrete Aufgabe des Hauses seit James Loebs Zeiten verändert. Seine grundlegende Idee aber ist geblieben: jungen Menschen unabhängig von ihren Voraussetzungen bessere Möglichkeiten für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe zu eröffnen.

Das Marie-Antonie-Haus ist deshalb weit mehr als eine Fußnote in James Loebs Biografie. Es macht sichtbar, was gesellschaftliche Verantwortung für ihn bedeutete: nicht nur über Bildung und Humanismus zu sprechen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen ihre Fähigkeiten entfalten können.

Fast ein Jahrhundert später lebt dieser Gedanke in der Kaulbachstraße weiter.

Aus einem Haus für Studentinnen ist ein Haus der Teilhabe geworden.