James Loebs Bibliothek: Der Kosmos eines Lesers
– Ein weit verstreuter Schatz
Wer verstehen möchte, was James Loeb bewegte, hätte nur einen Blick in seine Bibliothek werfen müssen. Sie war weit mehr als die Büchersammlung eines wohlhabenden Kunstliebhabers. Ihre große thematische Spannweite spiegelte seine Neugier und seine Vorstellung von Bildung wider: Altertumswissenschaft und Archäologie standen neben Kunstgeschichte, Musik und Psychologie, klassische Autoren neben Goethe, Heine, Dante, Ibsen, Stifter und zeitgenössischer Literatur.
Loeb war kein Sammler, der Bücher lediglich besaß. Er las, studierte und arbeitete mit ihnen. Seine Bibliothek gehörte zu jenem privaten geistigen Raum, in dem seine unterschiedlichen Interessen zusammenfanden: die Beschäftigung mit der Antike, seine Liebe zu Kunst und Musik und seine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und geistigen Fragen seiner Zeit.
Das Erbe Adolf Furtwänglers
Eine besondere Bedeutung erhielt die Bibliothek durch Loebs Freundschaft mit dem Archäologen Adolf Furtwängler, einem seiner wichtigsten wissenschaftlichen Lehrer und Berater. Nach dessen Tod 1907 erwarb Loeb 1908 das Münchner Haus der Familie Furtwängler und übernahm auch die archäologische Bibliothek und den wissenschaftlichen Nachlass des Gelehrten.
Dieser Bestand war beträchtlich. Er umfasste rund 1.500 Monografien und 700 Dissertationen, etwa 5.000 Fotografien, Tausende wissenschaftliche Notizen und umfangreiche Korrespondenzen sowie weiteres Material aus Furtwänglers archäologischer Arbeit. Einen großen Teil der Bücher übergab Loeb später dem Seminar für Klassische Archäologie in München und machte sie damit wieder der wissenschaftlichen Forschung zugänglich.
Eine Bibliothek in Hochried
Nachdem Hochried zu Loebs Lebensmittelpunkt geworden war, erhielt auch das Landhaus einen eigenen Bibliotheksraum. Die Bücher standen dort in unmittelbarer Nähe zu seiner bedeutenden Antikensammlung. Kunstwerke und Bücher, Anschauung und Lektüre gehörten zusammen.
Man kann sich diesen Ort deshalb durchaus als geistiges Zentrum des Hauses vorstellen. Hier lebte Loeb umgeben von den Dingen, die ihn beschäftigten: den Zeugnissen der Antike, wissenschaftlichen Werken und der Literatur verschiedener Jahrhunderte.
Die Bibliothek macht dabei sichtbar, dass Loebs Humanismus keineswegs allein auf Griechenland und Rom gerichtet war. Seine Interessen reichten weit darüber hinaus. Bildung bedeutete für ihn, Verbindungen herzustellen und unterschiedliche Zeiten, Kulturen und Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen.

In alle Welt zerstreut
Nach James Loebs Tod 1933 blieb die Bibliothek zunächst in Hochried. Ihre Geschichte nahm jedoch einen anderen Verlauf als die seiner Antikensammlung und der Loeb Classical Library.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Anwesen einer neuen Nutzung zugeführt. Im Zusammenhang mit dem Umbau zum Sanatorium wurde Loebs Bibliothek an die Bonner Buchhandlung Bouvier verkauft. Damit ging sie als geschlossene Sammlung verloren. Die über Jahrzehnte zusammengetragenen und teilweise aufwendig gebundenen Bücher wurden verkauft und in alle Welt zerstreut.
Ganz verloren haben sich ihre Spuren jedoch nicht. Einzelne Bücher aus Loebs Besitz konnten später in wissenschaftlichen Bibliotheken identifiziert werden. So befinden sich beispielsweise im Archäologischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt Bände, die sich anhand von Besitzmerkmalen und Widmungen Loebs Bibliothek zuordnen lassen. Einige stammen ursprünglich aus dem Besitz Adolf Furtwänglers und tragen noch dessen handschriftliche Anmerkungen.
So existiert James Loebs Bibliothek heute nicht mehr als Einheit. Ihre verstreuten Bücher erzählen jedoch weiterhin von einem Mann, für den Lesen, Sammeln und Forschen Teile derselben Leidenschaft waren.
Vielleicht ist gerade deshalb die Bibliothek ein besonders persönliches Vermächtnis James Loebs: Seine Kunstsammlung zeigt, was er bewahren wollte. Die Loeb Classical Library zeigt, was er anderen zugänglich machen wollte. Seine eigene Bibliothek aber zeigt, was ihn selbst ein Leben lang wissen und verstehen ließ.

