Die Loeb Classical Library

Als James Loeb 1911 die Loeb Classical Library begründete, verfolgte er eine ebenso einfache wie weitreichende Idee: Die großen Werke der griechischen und römischen Antike sollten nicht allein Spezialisten vorbehalten bleiben. Auch interessierte Leserinnen und Leser sollten Homer und Sophokles, Platon und Aristoteles, Cicero, Vergil oder Tacitus möglichst unmittelbar begegnen können.
Das Konzept der neuen Buchreihe war ebenso klar wie revolutionär: Auf der einen Seite stand der griechische oder lateinische Originaltext, auf der gegenüberliegenden Seite die englische Übersetzung. Wissenschaftliche Verlässlichkeit verband sich so mit einem für damalige Verhältnisse ungewöhnlich offenen Zugang zur klassischen Literatur.
Dazu passte auch das Format. Die handlichen Bände waren keine monumentalen Prachtausgaben für Bibliotheken und Sammler, sondern Bücher zum Lesen und Arbeiten. Grün für die griechischen Autoren, Rot für die lateinischen: Über Generationen wurden die charakteristischen Loeb-Bände zu einem vertrauten Begleiter von Studierenden, Wissenschaftlern und Liebhabern der Antike.
Ein "Geschenk der Freiheit"
Wie neu dieser Gedanke war, erkannte Virginia Woolf bereits wenige Jahre nach Gründung der Reihe. 1917 würdigte sie die Loeb Classical Library in der Literaturbeilage der Times als ein „Geschenk der Freiheit“. Besonders begeisterte sie, dass mit den zweisprachigen Ausgaben auch der nichtprofessionelle Liebhaber der klassischen Literatur ernst genommen wurde.
Damit traf Woolf einen wesentlichen Gedanken James Loebs. Bildung war für ihn kein Privileg einer kleinen akademischen Elite. Das geistige Erbe der Antike sollte zugänglich sein für Menschen, die bereit waren, sich damit auseinanderzusetzen.
Die Loeb Classical Library war deshalb weit mehr als ein verlegerisches Unternehmen. Sie war Ausdruck eines humanistischen Bildungsverständnisses: Wissen gewinnt seinen gesellschaftlichen Wert dadurch, dass es weitergegeben und zugänglich gemacht wird.
James Loeb sorgte dafür, dass sein Projekt ihn überdauern konnte. Nach seinem Tod 1933 ging die Loeb Classical Library an die Harvard University. Seit 1934 wird sie in den Vereinigten Staaten von Harvard University Press herausgegeben.
Doch Loeb dachte noch weiter. Er verfügte testamentarisch, dass die Erträge der Library, soweit sie nicht für deren Erhalt und Weiterentwicklung benötigt würden, der wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Archäologie sowie der griechischen und lateinischen Literatur zugutekommen sollten. Bei dieser Förderung sollte ausdrücklich kein Unterschied nach Geschlecht, Herkunft, Nationalität, Hautfarbe oder Glauben gemacht werden.
Damit verband Loeb auf bemerkenswerte Weise drei Dinge, die sein Leben prägten: die Liebe zur klassischen Antike, die Förderung wissenschaftlicher Erkenntnis und die Überzeugung, dass Bildung Menschen unabhängig von ihrer Herkunft offenstehen sollte.
Eine klassische Bibliothek für das digitale Zeitalter
Mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Gründung wird die Loeb Classical Library kontinuierlich fortgeführt und erneuert. Neben den gedruckten Bänden existiert heute die Digital Loeb Classical Library, über die die Texte und Übersetzungen auch online erschlossen werden können.Die Technik hat sich verändert, Loebs Grundidee nicht: Zwischen der Welt der Antike und der Gegenwart soll keine unnötige Barriere stehen.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Modernität seines Projekts. James Loeb wollte die Antike nicht auf einen Sockel stellen. Er wollte sie lesbar machen.
Und genau das tut die Loeb Classical Library bis heute.

Aktuell keine Veranstaltungen
Voraussichtlich werden die nächsten Veranstaltungen im Herbst 2026 stattfinden. Wir werden rechtzeitig darüber informieren.
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